Stoß in den Leib — Nero: Künstler auf dem Thron, Rom in Flammen

Dieselbe Nacht, Baiae. Der Kaiser schläft nicht. Das Schiff hat versagt, die Mutter lebt und weiß gewiss Bescheid. Nero stellt sich vor, wie Agrippina Sklaven bewaffnet, zu den Prätorianern fährt, mit der Wunde an der Schulter im Senat auftritt und von dem Sohn erzählt, der sie ertränken wollte. Er weckt Seneca und Burrus.

Tacitus beschreibt diese Szene wie ein Theater des Schweigens. Die beiden Berater sagen lange nichts. Vielleicht wussten sie vorher nichts, vielleicht wussten sie alles. Schließlich blickt Seneca zu Burrus und fragt, ob man den Soldaten das befehlen könne. Burrus antwortet: Die Prätorianer seien dem ganzen Haus der Caesaren ergeben und erinnerten sich an Germanicus. Sie würden die Hand nicht gegen seine Tochter erheben. Anicetus solle es zu Ende bringen. Anicetus meldet sich ohne Zögern. Nero atmet auf und sagt einen Satz, den Tacitus wie ein Urteil über diesen ganzen Hof aufgeschrieben hat.

Da trifft Agermus mit der Nachricht der Mutter ein. Nero hört ihn an, und währenddessen wirft er ihm ein Schwert vor die Füße. Geschrei: Attentäter! Agermus wird in Ketten gelegt. Die offizielle Version steht bereit: Die Mutter habe einen Mörder auf den Sohn gehetzt, und als die Verschwörung ans Licht kam, habe sie sich das Leben genommen. Es fehlt nur eines: die Version der Mutter.

Ein paar Worte bleiben: „Stoß in den Leib.“ So hielt es Tacitus fest. Cassius Dio gibt eine längere Fassung: Stoß hierher, denn das hat Nero geboren. Fielen sie wirklich? Kein Zeuge hinterließ einen Bericht, und die offizielle Version verfasste der Hof. Doch dieser Satz ging als kürzeste Anklagerede Roms in die Geschichte ein.

Betrachtete Nero die Leiche seiner Mutter und lobte ihre Schönheit? So behauptet es das Gerücht. Tacitus merkt an, dass andere dem widersprechen. Sicher ist dagegen, was er danach tat.

Die Propaganda beginnt. Nero schickt dem Senat einen Brief, den nach Tacitus Seneca schrieb: Die Mutter habe einen Mörder gedungen, und als es misslang, habe sie selbst ihrem Leben ein Ende gesetzt. Der Senat dankt den Göttern für die Rettung des Kaisers und erklärt ihren Geburtstag zum Unglückstag. Ein Senator, Thrasea Paetus, steht auf und geht hinaus. Mehr bringt die römische Opposition vorerst nicht auf. Tacitus fügt bitter hinzu, niemand habe dieses Märchen geglaubt, und in schlechtem Ruf sei nicht Nero gewesen, sondern Seneca, der ein solches Geständnis verfasst hatte.

Nero kehrt wie ein Triumphator nach Rom zurück. Die Menge jubelt, Senatoren kommen ihm entgegen. Er ist einundzwanzig, und zum ersten Mal steht niemand zwischen ihm und der Macht. Doch Sueton schreibt, dass er noch Jahre danach den Geist seiner Mutter sah, dazu Furien mit Peitschen und Fackeln, und sogar Magier ihren Schatten beschwören ließ und um Verzeihung flehte. Als er viele Jahre später nach Griechenland kommt, wagt er nicht, die heiligen Mysterien von Eleusis zu betreten: Die Herolde weisen Frevler von dort fort.

Ihm bleiben neun Jahre. Das reicht für den Brand Roms, für die Bühne des Theaters und für ein Ende, das er selbst inszenieren wird. Aber in Rom sind noch zwei Männer, die Nein zu ihm sagen konnten.

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