Der Brief aus Capri — Tiberius: die Insel Capri und die Paranoia

Das Jahr 31. Konsuln sind Tiberius und Seian. Der Kaiser hat nicht vor, nach Rom zu kommen. Das Amt übernahm er nach langer Pause. Wie Sueton meint, wollte er unter dem Anschein einer Ehrung Seian von seiner Seite entfernen. In Briefen nennt er ihn seinen Seian und Teilhaber seiner Sorgen. Senat und Volk antworten, so gut sie können. Bronzestandbilder beider stehen nebeneinander. Den Geburtstag des Präfekten begeht man öffentlich. Seinen Bildern bringt man Opfer dar wie den Bildern des Kaisers (Dio 58.2 und 58.4).

Dio schreibt, Seian sei wie ein Kaiser aufgetreten und Tiberius wie der Herrscher einer kleinen Insel. Die Leute drängen sich vor seiner Tür und fürchten nicht so sehr, ihn nicht zu sehen, als vielmehr, als Letzte hineinzukommen (58.5).

Tiberius beginnt ein Spiel. An einem Tag schreibt er, er sei dem Tode nahe, am nächsten, er sei gesund und komme gleich. Einmal lobt er Seian, einmal tadelt er ihn. Einmal erhebt er dessen Freunde, einmal stürzt er sie in Ungnade. Seian weiß nicht, ob er sich fürchten oder freuen soll. Rom weiß nicht, ob es ihn bewundern oder verachten soll (Dio 58.6).

Dann ernennt der Kaiser Gaius, den jüngsten Sohn des Germanicus, zum Priester und lobt ihn. Das Volk freut sich, denn es liebt das Andenken seines Vaters. Seian sieht das und begreift, dass das Volk nicht auf seiner Seite steht. Dio schreibt, er habe bereut, nicht als Konsul einen Aufstand angezettelt zu haben (58.8).

Tiberius hat Angst. Sueton und Dio schreiben, er habe Schiffe bereitmachen lassen, um im Fall eines Aufstands zu den Legionen zu fliehen, und von einem hohen Felsen nach den Signalen Ausschau gehalten, die man ihm gab. Nach Rom schickt er einen Mann, dem er vertraut: Macro, den er heimlich zum Befehlshaber der Garde ernennt.

Du hast nur eine Feder und eine Insel. Dein Gegner befehligt die Prätorianer und hat den Senat hinter sich. Was tust du?

Noch am selben Tag verurteilt der Senat, im Tempel der Concordia unweit des Gefängnisses versammelt, Seian zum Tode. Das Urteil wird sofort vollstreckt. Die Römer, die ihn am Morgen noch ihren Herrn nannten, stürzen sich auf seine Standbilder, als bestraften sie den Mann selbst (Dio 58.11). Auch seine Kinder sterben. Seine frühere Frau Apicata schrieb, als sie sah, was mit den Kindern geschehen war, dem Kaiser einen Brief über den Tod des Drusus und nahm sich das Leben. Es ist der Brief, von dem du schon weißt.

Die Senatoren beschließen, als hätten sie die Tyrannei abgeworfen. Die Trauer um den Toten wird verboten, auf dem Forum soll eine Statue der Freiheit stehen, und sein Todestag soll jedes Jahr mit Spielen gefeiert werden (Dio 58.12). Sie verbieten auch übertriebene Ehren für irgendjemanden und Eide auf den Namen eines anderen als des Kaisers. Gleich darauf beginnen sie, Macro zu schmeicheln.

Tiberius freute sich, schreibt Dio, empfing aber keine Gratulationsgesandtschaft. Er schickte sogar den Konsul fort, der auf seine Aufforderung hin gekommen war (58.13). Nach Sueton verließ er neun Monate lang die sogenannte Jupitervilla nicht, die Villa Jovis.

Prüfe, ob du verstehst, wie Seians Macht wuchs und wie sie fiel.

Seian ist tot, aber die Angst bleibt. Fagan schreibt, diese Affäre habe den Kaiser tief niedergedrückt. Wem sollte er noch vertrauen?

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