Die Insel — Tiberius: die Insel Capri und die Paranoia

Tiberius reist mit kleinem Gefolge: ein Senator, der Rechtskundige Cocceius Nerva, ein Ritter, Curtius Atticus, Seian und einige griechische Gelehrte für Gespräche. Die Astrologen, schreibt Tacitus, sagten, die Stellung der Sterne verbiete ihm die Rückkehr. Sie irrten sich, was seinen baldigen Tod betraf, aber in diesem einen hatten sie recht.

Zuerst entgeht er knapp dem Tod. Bei einem Gastmahl in einer natürlichen Grotte, die Höhle genannt wird, brechen über dem Eingang Felsen ab. Diener sterben, die Gäste fliehen. Seian, schreibt Tacitus, beugt sich über den Kaiser und hält die herabstürzenden Steine mit Knie, Gesicht und Hand auf. So finden die Soldaten sie. Sueton beschreibt denselben Unfall, aber ohne Seians Heldentat. Sicher ist nur, dass Felsen herabstürzten. Nach Tacitus vertraut der Kaiser Seian von diesem Moment an noch mehr.

Schließlich wählt Tiberius Capri. Die Insel liegt drei Meilen vom Vorgebirge von Sorrent entfernt. Es gibt keinen Hafen, die Küste ist hoch und steil, und der einzige kleine Strand lässt sich leicht bewachen. Niemand landet unbemerkt (Tacitus 4.67, Sueton 40). Der Kaiser lässt hier zwölf Villen bauen, jede mit einem eigenen prächtigen Namen. Aus den Ruinen kennen wir bis heute die Villa Jovis.

Warum floh er hierher? Tacitus ist sich selbst nicht sicher. Erste Antwort: Seian überredete ihn, denn er wollte den Kaiser in der Hand haben. Zweite: die Mutter. Livia wollte mitregieren, und Tiberius konnte sie nicht beiseiteschieben, weil er die Macht ihr verdankte. Dritte: die Scham. Tacitus beschreibt den alternden Kaiser: groß, mager und gebeugt, kahl, mit einem Gesicht voller Pickel und Pflaster.

Tacitus fügt noch etwas hinzu. Tiberius blieb nach Seians Sturz noch sechs Jahre auf der Insel. Vielleicht war die Abreise also seine eigene Entscheidung, und er wollte hinter ihr Grausamkeit und Ausschweifung verbergen. Tacitus legt sich nicht fest.

Im Jahr 29 stirbt Livia, die Mutter des Kaisers, im Alter von sechsundachtzig Jahren. Tiberius besuchte sie in ihrer Krankheit nicht. Zum Begräbnis kam er nicht, entschuldigte sich per Brief mit zu vielen Geschäften und verbot, sie wie eine Göttin zu verehren (Dio 58.2, Tacitus 5.2).

Tacitus hält diesen Moment für einen Wendepunkt. Solange Livia lebte, wagte Seian nicht, sich über den Willen der Kaisermutter zu stellen. Jetzt kennen Kaiser und Seian keine Zurückhaltung mehr. Aus Capri kommt ein Brief gegen Agrippina und ihren ältesten Sohn Nero. Der Senat schweigt vor Entsetzen.

Agrippina wird auf die Insel Pandateria verbannt. Nero Caesar auf eine andere Insel, und Drusus Caesar wird in den Kellergewölben des Palasts auf dem Palatin eingesperrt (Fagan; Sueton 54). All das geschieht innerhalb von zwei Jahren (Fagan: 29 und 30). Bevor wir weitergehen, prüfe, ob du weißt, wer wer ist.

In Rom flüstert man unterdessen darüber, was der alte Kaiser auf der Insel treibt. Sueton widmet dem einige Kapitel. Sie handeln von geheimen Gärten, seltsamen Spielen und von Ausschweifungen, über die man kaum lesen mag. Wir werden sie nicht nacherzählen. Es genügt zu wissen, was die Forschung davon hält. Sueton greift auf einen Katalog typischer Tyrannenmerkmale zurück. Ähnliche Geschichten wandern von Kaiser zu Kaiser: Ein Teil der Vorwürfe gegen den jungen Caligula auf Capri passt eher zum späteren Nero. Das Ganze stammt aus der feindlichen senatorischen Tradition.

Nehmen wir stattdessen eine Anekdote, die seine Paranoia gut wiedergibt. Zum einsamen Kaiser klettert von der Rückseite der Insel ein Fischer hinauf und bietet ihm eine große Meerbarbe an. Entsetzt, dass jemand über steile Felsen zu ihm gelangt ist, lässt Tiberius ihm das Gesicht mit dem Fisch abreiben. Der Fischer sagt, gut, dass er den Krebs nicht auch noch mitgebracht habe. Da lässt der Kaiser ihm mit dem Krebs das Gesicht zerkratzen. Eine einzige Quelle, Sueton, und nicht überprüfbar. Aber so erschien den Römern der Kaiser von Capri.

In Rom zählt jedoch etwas anderes. Seian wird mächtiger. Im Jahr 31 wird er Konsul. Zusammen mit dem Kaiser selbst.

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