Tiberius in den Tiber — Tiberius: die Insel Capri und die Paranoia
Rom glaubt, jetzt werde alles besser. Das glaubt es so lange, bis es erfährt, dass Tiberius die Jagd nicht beenden will. Die Prozesse gegen Seians Anhänger beginnen. Sie dauern noch im Jahr 33 an, als nach Fagan alle Gefangenen getötet wurden, die auf ein Urteil warteten.
Sueton behauptet, es habe keinen Tag ohne Hinrichtung gegeben. Das ist Rhetorik der feindlichen Tradition, aber er zitiert einen Satz, der wahr klingt. Zu einem Verurteilten, der um einen schnellen Tod flehte, soll der Kaiser gesagt haben: Ich habe mich noch nicht mit dir versöhnt.
Im Jahr 33 stirbt auf Pandateria Agrippina die Ältere. Tacitus schreibt, sie habe selbst aufgehört zu essen, möglich sei aber auch, dass man ihr die Nahrung verweigerte und sich einen Tod ausdachte, der freiwillig aussah. Der Kaiser klagt sie im Senat der Unsittlichkeit an und rühmt sich, sie nicht haben erdrosseln zu lassen. Der Senat dankt ihm für seine Milde. Im selben Jahr stirbt im Palastgefängnis ihr Sohn Drusus Caesar. Nero Caesar war zuvor auf der Insel gestorben. Von den Söhnen des Germanicus bleibt nur Gaius.
Auch der Kaiser ist gebrochen. In einem Brief an den Senat gesteht er: Mögen mich die Götter und Göttinnen schlimmer verderben, als ich mich täglich zugrunde gehen fühle, wenn ich weiß, was ich euch schreiben soll. So halten es Tacitus und Sueton fest. Tacitus fügt hinzu, würde man die Seelen der Tyrannen entblößen, sähe man in ihnen Wunden.
Oder will er zurückkehren? Sueton hielt fest, er habe es zweimal versucht. Einmal fuhr er mit einer Triere zu den Gärten am künstlichen See bei Rom. Ein anderes Mal kam er auf der Via Appia bis zum siebten Meilenstein. Jedes Mal kehrte er um, aus unbekanntem Grund oder erschreckt durch ein Vorzeichen. Die Mauern der Stadt sah er nur von Weitem.
Das Bild ist nicht schwarz-weiß. Die Statthalter schlagen ihm höhere Steuern für die Provinzen vor. Was antwortet er?
Fagan schreibt, Tiberius habe seine Statthalter gut gewählt, keine Eroberungskriege geführt und die Provinzen anständig behandelt. Der Staat funktionierte dank des Apparats des Augustus auch dann, als der Kaiser auf der Insel saß. Sein größtes Versagen betraf Rom selbst: das Majestätsgesetz, das Worte zu Verbrechen machte, und Prozesse, in denen Denunzianten das Vermögen der Verurteilten unter sich aufteilten (Fagan; Dio 57.19).
Tacitus teilt sein Leben in Abschnitte. Eine helle Zeit, als er Privatmann war oder unter Augustus Ämter bekleidete. Eine Zeit der Verschlossenheit und listigen Tugend, solange Germanicus und Drusus lebten. Eine Mischung aus Gutem und Schlechtem, solange die Mutter lebte. Grausamkeit bei verborgener Ausschweifung, als er Seian liebte oder fürchtete. Schließlich, als er Furcht und Scham abgelegt hatte, stürzte er sich in jedes Übel, denn er folgte nur noch seinen eigenen Neigungen (Annalen 6.51).
Anfang des Jahres 37 erreicht er geschwächt Misenum und die Villa des Lucullus. Er verbirgt die Krankheit. Der Arzt Charicles verabschiedet sich von ihm, nimmt ihn bei der Hand, als wolle er sie küssen, und prüft in Wahrheit den Puls. Tiberius sieht es. Er lässt das Mahl wiederholen und sitzt länger als sonst bei Tisch, damit niemand seine Schwäche sieht (Tacitus 6.50, Sueton 72). Am sechzehnten März 37 stirbt er. Er ist siebenundsiebzig Jahre alt. Die Todesursache ist umstritten, die Quellen nennen mehrere Versionen. Sicher sind nur Datum und Ort.
Die Nachricht verbreitet sich in Rom. Die Leute laufen umher und rufen: Tiberius in den Tiber! So endeten Verurteilte: Ihre Leichen wurden zum Fluss geschleift. Der Senat verweigert ihm göttliche Ehren. Soldaten bringen den Leichnam nach Rom, wo er bei einem öffentlichen Begräbnis verbrannt wird (Sueton 75, Fagan).
Und der Nachfolger? Tiberius kann sich bis zuletzt nicht entscheiden. Der Enkel, der Sohn des Drusus, ist noch ein Kind. Der Sohn des Germanicus steht im besten Alter und hat das Volk hinter sich, doch der Kaiser mag ihn nicht. Tacitus hielt fest, als Gaius in seiner Gegenwart über Sulla spottete, habe Tiberius ihm alle Laster Sullas und keine seiner Tugenden vorausgesagt. Sueton fügt hinzu, der Kaiser habe gesagt, er ziehe eine Schlange für das römische Volk und einen Phaethon für die Welt auf.
In der nächsten Folge: der Liebling der Legionen, der Sohn des Germanicus. Rom empfängt ihn wie einen Retter. Er ist vierundzwanzig, hat einen Vater, den die ganze Armee liebte, und einen Spitznamen aus den Lagern: Stiefelchen. Ob Rom sich da nicht täuscht?