Der Gang auf dem Palatin — Caligula: das Pferd im Senat

Die Warnungen häufen sich. Sueton zählt sie in einer Liste auf: Das Standbild des Jupiter aus Olympia, das nach Rom gebracht werden sollte, bricht in ein so lautes Gelächter aus, dass die Gerüste einstürzen; an den Iden des März schlägt der Blitz in das Kapitol in Capua ein; ein Orakel aus Antium warnt den Kaiser vor Cassius. Caligula versteht es auf seine Weise. Er lässt den Statthalter Cassius Longinus, einen Nachfahren des Caesarmörders, als Gefangenen aus Asien herbringen. Er vergisst, dass in seiner eigenen Garde ein Mann mit demselben Familiennamen dient.

Cassius Chaerea ist ein alter Soldat, Tribun der Garde. Der Kaiser spottet seit Jahren über ihn, er sei weichlich. Wenn Chaerea die Tagesparole holt, bekommt er „Priapus“ oder „Venus“ (Dio schreibt „Liebe“). Wenn er sich bedankt, hält der Kaiser ihm die Hand zum Kuss hin und formt mit den Fingern eine obszöne Geste. Um Chaerea sammeln sich Unzufriedene: der zweite Tribun, Cornelius Sabinus, Präfekten, der Freigelassene Callistus, einige Senatoren. Dio schreibt, fast der ganze Hof habe mit der Verschwörung sympathisiert, und wer nicht daran beteiligt war, habe sie nicht verraten.

Der Kaiser spürt, dass es eng um ihn wird. Dio hält fest, wie er die Befehlshaber der Garde und Callistus zu einem Gespräch ruft.

Dann tut er das Gegenteil: Zu jedem von ihnen spricht er unter vier Augen über die anderen, um sie zu entzweien. Die Verschwörer begreifen, dass ihnen die Zeit davonläuft. Fünf Tage Spiele im Palast haben sie schweigend überstanden. Als der Kaiser noch drei Tage ankündigt, an denen er selbst tanzen und in einer Tragödie auftreten will, ist ihre Geduld zu Ende.

Was genau im Gang geschah, wissen wir nicht. Sueton gibt zwei Versionen. Nach der ersten tritt Chaerea von hinten heran und schlägt als Erster zu, und Sabinus gibt den Gnadenstoß. Nach der zweiten schickt Sabinus durch seine Zenturionen die Menge fort und fragt nach der Parole, und als der Kaiser „Jupiter“ antwortet, führt Chaerea den Schlag. Beide Versionen enden gleich: Caligula stürzt und ruft, er lebe noch. Da fällt die Parole, die Sueton aus einer Überlieferung kennt: „Stoß noch einmal zu.“

Zuerst eilen Sänftenträger mit ihren Tragstangen, gleich darauf die Germanen der Leibwache dem Kaiser zu Hilfe. Im Durcheinander sterben einige Attentäter und ein paar unschuldige Senatoren. Die Attentäter machen beim Kaiser nicht halt: Sie töten auch seine Frau Caesonia und die kleine Tochter. Flavius Josephus hält fest, manchen Verschwörern sei diese Tat zu grausam erschienen, doch die Ansicht habe überwogen, dass das Geschlecht mit ihm verschwinden müsse.

Das Urteil ohne Umschweife: kein Wahnsinniger aus der Karikatur, sondern ein junger Mann mit unbeschränkter Macht und ohne Hemmungen, den die Quellen feindlich beschrieben haben.

Einen Augenblick lang glaubt niemand es. Sueton schreibt, anfangs habe man vermutet, der Kaiser selbst habe die Nachricht von seinem Tod verbreitet, um zu prüfen, wie die Leute zu ihm stehen. Als die Zweifel schwinden, bricht im Palast Chaos aus. Die germanischen Gardisten stürzen sich auf jeden, der ihnen in den Weg kommt, und die Prätorianer laufen mit der Frage umher, wer den Kaiser getötet habe. Beruhigt werden sie vom ehemaligen Konsul Valerius Asiaticus. Er steigt auf eine Erhöhung und ruft einen einzigen Satz.

Die Konsuln bringen den Schatz auf das Kapitol und rufen den Senat zusammen. Der Senat, schreibt Sueton, ist einmütig: Die Republik muss wiederhergestellt werden. Sie treffen sich nicht in der Kurie, die den Namen der Julier trägt, sondern auf dem Kapitol, und manche schlagen vor, die Tempel der Caesaren niederzureißen und ihr Andenken auszulöschen. Flavius Josephus hält fest, als Chaerea die Konsuln um die Parole bittet, habe er „Freiheit“ erhalten. Zum ersten Mal seit hundert Jahren geben die Konsuln die Parole aus.

Die Attentäter haben einen toten Kaiser, aber keinen Nachfolger. Der Senat will die Republik, und die Prätorianer können sich ein Leben ohne einen Herrscher, dem sie dienen könnten, nicht vorstellen. Währenddessen durchsuchen Soldaten die Winkel des Palasts.

In der nächsten Folge: Unter einem Vorhang ragen Füße hervor. Ein Mann, den seine Familie sein Leben lang für regierungsunfähig hielt, wird Kaiser. Warum wählten die Soldaten ausgerechnet ihn? Und wie lange kann sich ein solcher Mann auf dem Palatin halten, wo gerade sein Neffe ermordet wurde?

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