Jupiter vom Palatin — Caligula: das Pferd im Senat
Nach der Rückkehr aus dem Norden tritt der Kaiser immer seltener als Mensch auf. Dio schreibt, er verkleide sich als Götter: Herkules, Dionysos, Apollo, aber auch als Göttinnen, Juno, Diana und Venus. Sueton sieht ihn mit goldenem Bart und einem Blitz in der Hand. Als Jupiter Latiaris lässt er sich verehren. Den Tempel des Castor und Pollux auf dem Forum macht er zum Vorhof seines Palastes, um, wie er sagt, zwei Götter als Türhüter zu haben, und setzt sich zwischen ihre Standbilder.
Dazu ein eigener Kult: ein Tempel, ein goldenes Standbild, das jeden Tag so gekleidet wird wie der Kaiser, und Priesterämter, die die Reichsten erwerben. Nach Dio zahlt jeder zehn Millionen Sesterzen. Als Opfer dienen Flamingos und Pfauen. Mit Jupiter Capitolinus spricht der Kaiser auf Du und Du, und wenn es donnert, antwortet er mit eigenem Donner. Wenn der Gott einen Blitz schleudert, schleudert er einen Speer in den Fels und zitiert Homer.
Ein Gott braucht Tempel, und Tempel brauchen Geld. Der Kaiser erfindet Steuern auf alles: auf Lebensmittel, die in der Stadt verkauft werden, auf Prozesse (ein Vierzigstel des Streitwerts), auf den Verdienst der Lastenträger (ein Achtel des Tageslohns). Das Gesetz lässt er so hoch und in so kleiner Schrift aufhängen, dass es niemand lesen kann, sodass man es aus Unwissenheit bricht. Als das Volk im Zirkus laut protestiert, lässt der Kaiser nach Dio die Soldaten mit den Versammelten abrechnen. Danach schweigen alle.
Es ist das Jahr 40. Bevor du die Gerüchte über den Palast beurteilst, versetz dich in die Lage eines Senators.
Und das Gerücht vom Bordell im Palast? Sueton und Dio beschreiben Räume im Palast, in denen Frauen und Kinder aus den besten Familien ausgestellt gewesen sein sollen, und aus den Gebühren von Willigen und Unwilligen habe der Kaiser Einnahmen erzielt. Winterling zerlegt diese Geschichte und zeigt, wie eine Tatsache verzerrt wurde: Caligula ließ die Frauen und Kinder angesehener Senatoren in den Palast bringen, wo sie zugleich Gäste und Geiseln waren. Fagan lässt ein Körnchen Wahrheit gelten, stark ausgeschmückt.
Ist der Mann, der all das tut, verrückt? Die Alten hatten keine Zweifel. Sueton verzeichnet die Symptome: Epilepsie in der Kindheit, plötzliche Schwächeanfälle, in denen der Kaiser kaum gehen, stehen und seine Gedanken sammeln konnte, und vor allem Schlaflosigkeit. Er schlief nicht länger als drei Stunden, und selbst dann quälten ihn Erscheinungen. Nachts irrte er durch die Säulengänge des Palasts und rief nach dem Morgen. Er selbst soll vermutet haben, dass mit seinem Verstand etwas nicht stimmt, und dachte an Rückzug. Man sagte auch, seine Frau Caesonia habe ihm einen Liebestrank gegeben, der ihn benebelte.
Die Historiker sind vorsichtiger. Fagan hält ärztliche Ferndiagnosen über zweitausend Jahre hinweg für von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn den Quellen kann man nicht trauen. Seine Erklärung ist einfacher: ein junger, unerfahrener Mann mit unbeschränkter Macht. Van Nispen beschreibt das als Herrschaft des Augenblicks und der Person, in der Entscheidungen aus dem Stegreif fallen, ohne irgendeine Regel. Und der einzige Augenzeuge, Philon von Alexandria, beschreibt keinen Wahnsinnigen. Er beschreibt einen hochmütigen, egozentrischen und boshaft witzigen Mann.
Der Kaiser selbst wiederholte gern einen Vers irgendeines Tragikers. Sueton legt ihn ihm in den Mund.
Das ist eine Einzelquelle, und das Bild des „typischen Tyrannen“ hat in der antiken Literatur eine lange Tradition, worauf Reeves hinweist. Ein einziger Satz, den man Jahre später leicht wiederholt, ist manchmal ein Beweis für den Charakter und manchmal eine Erfindung. Ähnlich bei einer weiteren Geschichte Suetons: Der Kaiser habe daran gedacht, die Gedichte Homers zu vernichten, und die Schriften und Büsten Vergils und des Livius habe er beinahe aus allen Bibliotheken entfernt; den einen nannte er einen Dichter ohne Talent, den anderen einen geschwätzigen und nachlässigen Historiker.
Bevor wir den Gang betreten, sortieren wir, was von diesen Geschichten sicher ist und was nicht.
Im Palast dient ein Mann, dem der Kaiser seit Jahren Beleidigungen als Parole gibt. Und er erinnert sich an jede einzelne.