Der See der Verurteilten — Claudius: hinter dem Vorhang gefunden, mit Pilzen vergiftet?

Agrippina gibt sich mit dem Titel Augusta nicht zufrieden. Tacitus hält fest, sie schicke eine Kolonie von Veteranen in die Hauptstadt der Ubier, in der sie geboren wurde, und benenne sie nach sich selbst (12.27). So entsteht Colonia Agrippinensis, das heutige Köln am Rhein. Sie entledigt sich auch der Befehlshaber der Garde, weil sie vermutet, sie seien Messalina und ihren Kindern treu geblieben. Neuer Prätorianerpräfekt wird Burrus, der genau weiß, wem er seinen Aufstieg verdankt (12.42).

Sie fährt im Wagen auf das Kapitol, was bisher nur Priestern und Götterbildern erlaubt war. Tacitus merkt an, sie sei die einzige bekannte Frau, die die Schwester des einen Herrschers, die Frau eines anderen und die Mutter eines dritten war (12.42).

Nach Rom kommt ein Gefangener, von dem man sogar in Italien gehört hatte. Der britannische König Caratacus kämpfte neun Jahre lang gegen die Römer. Die Königin der Briganten lieferte ihn in Ketten aus. Claudius veranstaltet für die Römer ein Schauspiel: die Garde in Schlachtordnung vor dem Lager, ein Zug der Gefangenen und der Beute, und am Ende der König (Tacitus 12.36).

Alle Gefangenen kauern vor Angst. Caratacus nicht. Er spricht zum Kaiser. Hätte er im Glück Maß gehalten, wäre er als Freund und nicht als Gefangener in Rom eingezogen. Wenn die Römer die Welt beherrschen wollen, soll dann die Welt die Knechtschaft annehmen? Wenn sie ihn töten, werden sein Fall und ihr Triumph vergessen. Wenn sie ihm das Leben schenken, wird er ein Denkmal ihrer Milde sein (12.37).

Claudius schenkt ihm, seiner Frau und seinen Brüdern das Leben. Die Befreiten huldigen auch Agrippina, die daneben auf einem eigenen Thron sitzt. Tacitus schreibt, das sei eine Neuheit, den alten Sitten fremd: eine Frau vor den römischen Standarten. Agrippina rühmt sich, Teilhaberin an dem Reich zu sein, das ihre Vorfahren errungen haben (12.37).

Das Jahr 52. Claudius eröffnet den Tunnel unter dem Berg, der das Wasser aus dem Fuciner See ableiten und Ackerland schaffen soll. Die Arbeiten dauerten elf Jahre und beschäftigten dreißigtausend Menschen (Sueton, Claudius 20). Vor der Öffnung des Abflusses veranstaltet der Kaiser ein Schauspiel: eine Seeschlacht.

Nach Tacitus nehmen an der Schlacht neunzehntausend Verurteilte auf großen Schiffen teil. Rings um die Ufer liegen Flöße mit Gardisten und Wurfmaschinen, damit niemand fliehen kann. Die umliegenden Hügel sind voller Zuschauer, wie in einem Theater. Der Kaiser sitzt im Kriegsmantel da, neben ihm Agrippina in einem Mantel aus goldgewirktem Stoff (Annalen 12.56). Bevor die Verurteilten in den Kampf ziehen, rufen sie dem Kaiser zu, wie Sueton festhält (Claudius 21): Ave imperator, morituri te salutant. Sei gegrüßt, Kaiser, die Todgeweihten grüßen dich.

Die Verurteilten halten das für eine Begnadigung und weigern sich zu kämpfen. Claudius schwankt, ob er sie mit Feuer und Schwert niedermachen lassen soll. Schließlich springt er vom Thron auf und läuft mit seinem schwankenden Gang am Ufer entlang. Mit Drohungen und Versprechungen zwingt er sie zum Kampf (Sueton, Claudius 21).

Nach der Schlacht öffnete man den Abfluss. Es stellte sich heraus, dass der Tunnel nicht bis zum Grund des Sees reichte. Man musste ihn vertiefen. Beim Gastmahl am Abfluss ergoss sich das Wasser mit solchem Getöse, dass es die Gäste erschreckte. Agrippina nutzte die Angst des Kaisers, um Narcissus, der die Arbeiten leitete, der Habgier zu beschuldigen. Narcissus ließ das nicht unbeantwortet. Er warf ihr ihren herrischen Charakter und ihren unbändigen Ehrgeiz vor (Tacitus 12.57).

Von diesem Augenblick an sind Narcissus und Agrippina offene Feinde. Beide Seiten wissen, worum es geht: wer an der Seite des Kaisers stehen wird, wenn der Kaiser nicht mehr da ist. Es ist das Jahr 52. Claudius bleiben zwei Jahre.

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