In der Gunst von vier Kaisern — Das Jahr 69 II: Das Kapitol in Flammen
Warum gerade er? Sueton hat eine Antwort. Galba sagte offen, niemand sei weniger zu fürchten als Leute, die nur ans Essen denken. Den bodenlosen Magen des Vitellius würden die Vorräte der Provinzen füllen. Er wählte ihn aus Verachtung, nicht aus Gunst. (Suet. Vit. 7.1)
Der neue Befehlshaber hat nicht einmal Geld für die Reise. Frau und Kinder bringt er in einer gemieteten Dachkammer unter, das eigene Haus vermietet er an Fremde. Seiner Mutter nimmt er eine Perle vom Ohr und verpfändet sie. Die Gläubiger lauern ihm am Weg auf und lassen ihn kaum durch. (Suet. Vit. 7.2; Dio 65.5.3)
Am Rhein begrüßt man ihn wie ein Geschenk der Götter. Sohn eines dreimaligen Konsuls, im besten Alter, umgänglich und großzügig. Unterwegs küsst er einfache Soldaten. In den Herbergen fragt er morgens die Maultiertreiber, ob sie schon gefrühstückt haben. (Suet. Vit. 7.3)
Im Lager gewährt er jede Bitte und erlässt Strafen. Keinen Monat später ziehen ihn die Soldaten abends aus dem Schlafzimmer, so wie er ist, in der Haustunika. Jemand drückt ihm das Schwert des Göttlichen Julius in die Hand, aus der Kapelle des Mars geholt. Mit diesem Schwert in der Hand tragen sie ihn durch die Dörfer. Es ist Anfang Januar 69. Als er zurückkehrt, fängt das Speisezimmer vom Ofen Feuer. Alle erbleichen: ein böses Zeichen. Er aber sagt: „Nur Mut! Uns ist ein Licht aufgegangen.“ Das ist seine ganze Rede an die Soldaten. (Suet. Vit. 8.1–2)
Er ist dreiundfünfzig. Geboren wurde er am 24. September 15. Als die Legionen ihn zum Kaiser ausriefen, beweinte ihn seine Mutter wie einen Toten. Er selbst spottete schon unter Nero über die Astrologen: „Sie wissen nichts, wenn sie sagen, dass sogar ich Kaiser werde.“ Nero lachte. (Suet. Vit. 3.2; Dio 64.4.3)
In Lugdunum, dem heutigen Lyon, lässt Vitellius das Heer seinen kleinen Sohn begrüßen. Der Junge ist sechs. Der Vater hält ihn auf den Armen, in einen Soldatenmantel gehüllt, und gibt ihm den Namen Germanicus. (Tac. 2.59; Dio 65.1.2a)
In Cremona sieht er Gladiatorenkämpfen zu. Dann will er das Feld sehen, auf dem seine Leute den Krieg für ihn gewonnen haben. (Tac. 2.70; Dio 65.1.3)
Tacitus sieht es anders. Die Feldherren zeigen dem Kaiser, von wo die Legionen angriffen und von wo die Reiterei. Die Tribunen prahlen und mischen Wahrheit mit Fabel. Manchen Soldaten kommen die Tränen. Vitellius wendet den Blick nicht von den Tausenden unbestatteten Landsleuten. Er bringt den Göttern des Ortes ein Opfer dar und ahnt nicht, wie nah sein eigenes Ende ist. (Tac. 2.70)
Bevor er Rom erreicht, muss er noch etwas mit der Garde tun, die Galba getötet und Otho auf den Thron gehoben hat.