Festmahl und neue Garde — Das Jahr 69 II: Das Kapitol in Flammen

Vitellius denkt nicht daran zu warten, bis die Garde ihn sich vornimmt. Noch in Gallien löst er mit einem Edikt alle Prätorianerkohorten auf. Sie sollen ihre Waffen den Tribunen übergeben. Hundertzwanzig sucht er namentlich: Man fand ihre Bittschriften an Otho um eine Belohnung für die Ermordung Galbas. Sie gehen in den Tod. Sueton lobt ihn selten, schreibt hier aber, diese Taten hätten auf einen großen Herrscher hoffen lassen. (Suet. Vit. 10.1; Tac. 2.67)

Dann zieht ein Heer von sechzigtausend Soldaten durch Italien. Hinter ihnen noch mehr Tross und Gesinde, dazu Schauspieler und Wagenlenker aus dem Zirkus – der ganze Hofstaat Neros. Das Getreide steht reif auf den Feldern, und das Heer plündert es wie in Feindesland. Nach Rom will Vitellius zu Pferd einreiten, im Feldherrnmantel und mit dem Schwert an der Seite. Die Freunde halten ihn zurück: So zieht man in eine eroberte Stadt ein, nicht in die eigene Hauptstadt. Er wechselt die Kleidung. So schreibt Tacitus. Sueton behauptet, er sei dennoch im Feldherrnmantel eingezogen, unter Trompetenklang. (Tac. 2.71, 2.87, 2.89; Suet. Vit. 11.1)

In Rom baut er die Garde neu auf: sechzehn Prätorianerkohorten und vier Stadtkohorten zu je tausend Mann. Dafür nimmt er zwanzigtausend Legionäre vom Rhein. Jeder, der will, wird genommen. Tacitus schreibt, so sei der alte Glanz des Prätorianerlagers verloren gegangen. Und Othos aufgelöste Prätorianer zerstreuen sich über Italien, ohne Waffen, aber mit Groll. Wenn sich im Osten ein neuer Kaiser erhebt, kehren sie unter die Fahnen zurück. Auf seiner Seite. (Tac. 2.93–94, 2.67, 2.82)

Auf dem Kapitol umarmt er seine Mutter und verleiht ihr den Titel Augusta. Sextilia, eine Frau von altem Schlag, kann sich nicht freuen. Als sie vom Sohn den ersten Brief erhielt, antwortete sie kurz: „Ich habe Vitellius geboren, nicht Germanicus.“ (Tac. 2.64, 2.89; Dio 65.4.5)

Vitellius, nun schon Pontifex maximus, erlässt ein Edikt über die Riten. Das Datum: der 18. Juli. Rom erstarrt. Es ist der Jahrestag der Niederlage an der Allia, nach der die Gallier die Stadt eroberten. Seit Jahrhunderten ein verfluchter Tag, und der neue Kaiser hat nicht daran gedacht. Auf dem Marsfeld bringt er dafür dem Geist Neros Opfer dar. Beim Festmahl lässt er einen Flötenspieler „etwas aus dem Buch des Meisters“ spielen und klatscht als Erster zu Neros Lied. (Tac. 2.91, 2.95; Suet. Vit. 11.2)

Er kann auch durch Milde überraschen. Im Senat widerspricht ihm Helvidius Priscus. Der Kaiser ruft im Zorn die Tribunen, tut aber nichts weiter. Dann sagt er, es sei kein Wunder, dass zwei Senatoren verschiedener Meinung seien, er selbst habe sich oft mit Thrasea gestritten. Der Senat lacht über den Vergleich. Weniger milde ist er zu den Astrologen: Er befiehlt ihnen, Italien vor dem 1. Oktober zu verlassen. In der Stadt erscheint sofort eine Antwort, unterschrieben mit „Die Chaldäer“: Vor demselben Tag werde es Vitellius Germanicus nicht mehr unter den Lebenden geben. Cassius Dio versichert, die Astrologen hätten den Tag genau getroffen. (Tac. 2.91; Dio 65.7.2; Suet. Vit. 14.4; Dio 65.1.4)

Nun der Tisch. Vitellius isst drei, manchmal vier Mal am Tag: Frühstück, Mittagessen, Abendessen und das nächtliche Gelage. Brechmittel helfen ihm dabei. Zu jeder Mahlzeit lädt er sich bei jemand anderem ein. Keine kostet den Gastgeber weniger als vierhunderttausend Sesterzen. Sein Bruder empfängt ihn in Rom mit einem Essen, bei dem angeblich zweitausend Fische und siebentausend Vögel aufgetischt wurden. (Suet. Vit. 13.1–2)

Der Kaiser übertrifft ihn. Er weiht eine Platte, so groß, dass er sie Schild der Minerva, der Beschützerin der Stadt, nennt. Hinein kommen Hechtlebern, Gehirne von Fasanen und Pfauen, Flamingozungen und Milch von Neunaugen. Schiffe bringen sie aus dem ganzen Reich, von Parthien bis zur Straße von Gibraltar. Cassius Dio beschreibt eine Platte für eine Million Sesterzen, aus Zungen, Gehirnen und Lebern von Fischen und Vögeln: Aus Ton ließ sie sich nicht in dieser Größe machen, also goss man sie aus Silber. Erst Kaiser Hadrian ließ sie einschmelzen. (Suet. Vit. 13.2; Dio 65.3.3)

Sogar Neros Domus Aurea erscheint Vitellius und seiner Frau Galeria zu bescheiden. Und doch stellt Tacitus Galeria und Sextilia als Vorbild hin: Sie hatten an den Grausamkeiten des Hofes keinen Anteil. (Dio 65.4.1–2; Tac. 2.64)

Als man in Rom den Schild der Minerva auf den Tisch stellte, schwor man in Alexandria schon lange einem anderen.

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