Jerusalem — Vespasian: Geld stinkt nicht
Gehen wir vier Jahre zurück. Frühjahr 66, Jerusalem. Der römische Prokurator Gessius Florus lässt die Soldaten auf die Stadt los. Vor seinem Richterstuhl steht barfuß eine Frau und fleht, sie sollten aufhören zu töten. Es ist Berenike, die Schwester König Agrippas II. Sie ist nach Jerusalem gekommen, um ein Gelübde an Gott zu erfüllen. Florus hört nicht auf sie, und die Soldaten töten beinahe die Königin selbst. Sie flieht in den Palast.
Berenike ist die Tochter Agrippas I., der im Jahr 41 Claudius zum Kaiser verhalf. Ihr erster Mann war Marcus, Sohn des Verwalters der Güter der Antonia, der Mutter des Claudius. Marcus’ Bruder ist Tiberius Iulius Alexander: derselbe Präfekt von Ägypten, der als Erster auf Vespasian schwören ließ. Rom ist klein, und der Osten noch kleiner. Tacitus fügt ein Gerücht hinzu: Man sagte, der junge Titus sei den Reizen der Königin gegenüber nicht gleichgültig gewesen. Darauf kommen wir in der nächsten Folge zurück.
Im April 70 steht Titus vor Jerusalem. Er kommt zu einem schlechten Zeitpunkt für die Stadt: zum Pessachfest, als Pilger von überall angereist waren. Drinnen bekämpfen sich seit Langem die Anführer der Aufständischen. Einigkeit bringt ihnen erst das römische Heer unter den Mauern.
Während der ganzen Belagerung steht Josephus auf der römischen Seite der Mauern. Titus schickt ihn, damit er die Verteidiger in ihrer Muttersprache zur Übergabe überredet. Für die Verteidiger ist er ein Verräter, für viele Römer ein verdächtiger Jude. Einmal trifft ihn ein Stein von der Mauer am Kopf. Josephus stürzt. In der Stadt verbreitet sich die Nachricht, er sei tot. Seine Mutter hört sie im Gefängnis. Josephus überlebte. Deshalb haben wir diese Geschichte.
Auch die wichtigste Szene beschreibt Josephus selbst. Einen Tag vor dem Brand beruft Titus einen Kriegsrat von sechs Befehlshabern ein. Unter ihnen sitzt Tiberius Iulius Alexander, der Schwager Berenikes. Die einen wollen den Tempel zerstören, denn solange er steht, werden die Juden sich erheben. Andere wollen ihn schonen, wenn die Verteidiger ihn nicht als Festung nutzen. Titus sagt laut Josephus, er räche sich nicht an Steinen. Ein solches Bauwerk solle eine Zierde des Reiches werden.
Am nächsten Tag schleudert ein Soldat ohne Befehl eine Fackel durch das goldene Fenster. Titus stürzt aus dem Zelt, schreit, gibt Zeichen mit der Hand und befiehlt einem Zenturio, die Ungehorsamen mit dem Stock zu schlagen. Niemand hört zu. So schreibt Josephus. Und Josephus schrieb für Titus.
Josephus beziffert die Opfer der Belagerung auf eine Million einhunderttausend. Er fügt selbst hinzu, die meisten seien keine Einwohner der Stadt gewesen, sondern Pilger, die das Pessachfest in ihr eingeschlossen habe. Siebenundneunzigtausend Gefangene sind bei ihm eine Zahl aus dem ganzen Krieg, nicht allein aus Jerusalem. Tacitus hörte von sechshunderttausend Belagerten. Heutige Forscher schätzen die ständige Bevölkerung der Stadt auf einige Zehntausend. Selbst mit den Pilgern sind es um ein Vielfaches weniger, als Josephus und Tacitus schreiben. Eines weiß man ohne Rechnen: In der geschlossenen Stadt wüteten Seuche und Hunger.
Nach der Eroberung lässt Titus die Stadt dem Erdboden gleichmachen. Er lässt nur die drei Türme des Herodes und ein Stück Mauer stehen, damit die Nachwelt sehe, welche Befestigungen die Römer bezwungen hatten. Der Tempel verbrannte, wie Josephus rechnet, am zehnten Tag des Monats Lous, am Jahrestag der Zerstörung des ersten Tempels durch die Babylonier. Die Juden beklagen beide bis heute an einem Trauertag, Tischa beAw.
An dieser Stelle verstummt Tacitus. Die erhaltenen Bücher seiner „Historien“ brechen im Jahr 70 ab, und von der Belagerung Jerusalems ist in ihnen nur der Anfang geblieben. Von nun an erzählen uns von den Flaviern vor allem Josephus, Sueton und die Auszüge aus Dio.
Titus kehrt mit einer Beute zurück, die du auf dem Bogen sehen wirst, der bis heute in Rom steht.