Der Osten sagt „Nein“ — Das Jahr 69 II: Das Kapitol in Flammen

Im Osten steht ein Heer, das den Bürgerkrieg noch nicht kennt. Es führt Vespasian. Er geht auf die sechzig zu, hat zwei Söhne und drei Legionen in Judäa. Er zögert. Wenn er verliert, verliert er zusammen mit seinen Söhnen. (Tac. 2.74)

Gedrängt wird er von seinem Nachbarn, dem Statthalter von Syrien, Licinius Mucianus. Er hat vier Legionen und eine scharfe Zunge. Dass das Heer den Kaiser macht, sagt er, beweise Vitellius selbst: Er war in keinem Krieg und sitzt auf dem Thron. (Tac. 2.76)

Nur: Wer macht den ersten Schritt?

Auf Alexandria folgen im Juli Judäa und Syrien. (Tac. 2.79–81)

In Rom meldet die erste Nachricht nur die Meuterei einer einzigen Legion. Die Freunde des Kaisers schwächen sie ab, so gut sie können. Vitellius schiebt die Schuld auf die aufgelösten Prätorianer. Den Namen Vespasians spricht er nicht aus. Soldaten gehen durch die Stadt und bringen Gerüchte zum Schweigen. Gerade deshalb redet jeder darüber. (Tac. 2.96)

An der Donau fragt niemand Rom um Rat. Die Legionen Moesiens und Pannoniens erinnern sich an die Niederlage bei Bedriacum. In Aquileia reißen die Soldaten aus Moesien, die einst Otho zu Hilfe geschickt worden waren, die Feldzeichen mit dem Namen des Vitellius herunter und teilen die Kasse unter sich auf. Dann suchen sie einen Kaiser. Die Männer der III. Legion, vor Kurzem aus Syrien verlegt, loben Vespasian. Sein Name kommt auf die Feldzeichen. (Tac. 2.85; Suet. Vesp. 6.2–3)

An die Spitze tritt Antonius Primus, Legat der VII. Legion. Unter Nero wegen Fälschung verurteilt, unter Galba in den Senat zurückgeholt. Tacitus malt ihn in einem Satz: tapfer im Kampf, redegewandt, ein Meister darin, den Hass auf andere zu lenken, habgierig und verschwenderisch, im Frieden der schlechteste Bürger, im Krieg ein Verbündeter, den man nicht verachten durfte. In seiner Heimatstadt Tolosa in Gallien nannte man ihn in der Jugend Becco. Das Wort bedeutet „Hahnenschnabel“. (Tac. 2.86; Suet. Vit. 18)

Ende des Sommers. In Poetovio, dem Winterlager der XIII. Legion, versammeln sich die Anführer der Partei Vespasians. (Tac. 3.1)

Primus wartet auf niemanden. Mit leichten Kohorten und einem Teil der Reiterei steigt er von den Alpen herab. Er besetzt Aquileia, Patavium und Verona. Erst dann trifft Vespasians Befehl ein, in Aquileia stehen zu bleiben und auf Mucianus zu warten. Zu spät. Mucianus rät in Briefen dasselbe, und Tacitus sieht darin Neid: Mucianus will den ganzen Ruhm für sich. (Tac. 3.6–8)

Ihm gegenüber steht Caecina, der Sieger von Bedriacum, jetzt Konsul. Er verschanzt sich bei Hostilia, hinter dem Fluss und den Sümpfen. Und zögert. Er schreibt Briefe. Viele glauben, Flavius Sabinus habe ihn schon in Rom bearbeitet. Als die Flotte in Ravenna zu Vespasian übergeht, ruft Caecina an einem abgelegenen Ort des Lagers die Zenturionen zusammen und lässt sie dem neuen Kaiser schwören. Er reißt die Bilder des Vitellius herunter. (Tac. 2.99–100; 3.9, 3.12–13)

Die Nachricht läuft durch das Lager. Die Soldaten kehren von den Posten zurück und sehen auf den Feldzeichen den Namen Vespasians. Zuerst herrscht schwere Stille. Dann bricht es los. Das germanische Heer soll sich kampflos ergeben, ohne eine einzige Wunde? Sie stellen die Bilder des Vitellius wieder auf, den Konsul legen sie in Ketten. Ohne Caecina ziehen sie nach Cremona. (Tac. 3.13–14; Dio 65.10.3–4; BJ 4.11.3)

Ein Heer ohne Anführer, zwischen Hostilia und Cremona verteilt. Primus sieht seine Gelegenheit. Er rückt vor.

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