Die Nacht bei Cremona — Das Jahr 69 II: Das Kapitol in Flammen

Mit Primus ziehen auch die Männer, die Vitellius aus der Garde geworfen hat. Die aufgelösten Prätorianer Othos tragen ihre eigenen Feldzeichen. Sie haben mit dem Kaiser eine Rechnung zu begleichen. (Tac. 3.21)

Primus reitet die Reihen ab. Jeder Abteilung sagt er etwas anderes. Den Prätorianern ruft er zu: „Zivilisten! Wenn ihr nicht siegt, welcher Feldherr, welches Lager nimmt euch dann auf?“ (Tac. 3.24)

Da geht die Sonne auf. Die Soldaten der III. Legion, die jahrelang in Syrien stand, begrüßen sie mit lautem Ruf, wie es dort Brauch ist. Das Gerücht läuft um, es sei Mucianus mit dem Heer aus dem Osten, und beide Heere grüßten einander. Vielleicht hat Primus es selbst in Umlauf gebracht. Die Flavier rücken vor, als hätten sie Verstärkung bekommen. Die Vitellianer, schreibt Cassius Dio, halten den Ruf für das Eintreffen des Mucianus und geraten in Panik. (Tac. 3.24–25; Dio 65.14.3)

Sie fliehen auf der Straße nach Cremona, zwischen Wagen und Kriegsmaschinen. Die Verfolgung ergießt sich über die ganze Straße. (Tac. 3.25)

Aus dieser Nacht hält Tacitus eine einzige Szene mit Namen fest. Er hat sie vom Tribunen Vipstanus Messalla, der dort kämpfte. Iulius Mansuetus, ein Hispanier aus der Legion Rapax, hatte seinen kleinen Sohn zu Hause zurückgelassen. Der Sohn wuchs heran, und Galba nahm ihn in die VII. Legion auf. In der Verfolgung streckt der junge Soldat einen Gegner nieder. Er beugt sich über ihn und erkennt den Vater. Der Vater erkennt ihn. Der Sohn umarmt den Sterbenden und bittet, er möge sich nicht von ihm abwenden wie von einem Vatermörder. Es sei die Schuld aller, sagt er, welch winziger Teil des Bürgerkriegs sei ein einzelner Soldat. Dann hebt er selbst das Grab aus und bestattet den Vater. Die Nachricht geht durchs Heer. Die Soldaten verfluchen diesen Krieg. Und ziehen weiter gefallenen Verwandten und Brüdern die Sachen aus. (Tac. 3.25)

Unter den Mauern wartet das Lager, hinter dem Lager die Stadt. Die Legionäre rücken unter den Schilden, in der Schildkröte, zum Wall vor. Die Verteidiger werfen Steine auf sie, schließlich ihre eigene Kriegsmaschine. Als Erster steigt Gaius Volusius von der III. Legion auf den Wall. Cremona ergibt sich. An den Mauern hängen Ölzweige. Die Besiegten nehmen Caecina die Ketten ab und flehen ihn an, sich für sie einzusetzen. Der Konsul tritt in Amtstracht heraus, mit Liktoren, und die Sieger toben beim Anblick des Verräters. Primus gibt ihm eine Wache und schickt ihn zu Vespasian. (Tac. 3.27–29, 3.31; Dio 65.14.4)

Primus geht ins Bad, um die Schlacht abzuwaschen. Das Wasser ist zu kalt. Jemand aus dem Gesinde wirft hin: „Gleich wird es heiß.“ Tacitus schreibt, dieser eine Satz habe Primus alle Schuld an dem aufgeladen, was dann geschah. Die Stadt brannte ohnehin schon. (Tac. 3.32)

Vierzigtausend Soldaten und noch mehr Tross brechen in Cremona ein. Gerade ist Jahrmarkt, die Stadt ist voller Kaufleute aus ganz Italien. Vier Tage Plünderung und Feuer. Nur der Tempel der Mefitis vor den Mauern blieb stehen. (Tac. 3.30, 3.33)

Wer den Soldaten Cremona als Beute zeigte – der Freigelassene Hormus oder Primus selbst –, entscheidet Tacitus nicht. Er nennt auch keine Zahlen. Cassius Dio spricht von fünfzigtausend Toten, die in der Schlacht Gefallenen eingerechnet. Flavius Josephus – von dreißigtausendzweihundert Soldaten des Vitellius und viereinhalbtausend auf der Seite des Primus. (Tac. 3.28; Dio 65.15.2; BJ 4.11.3)

Vitellius hat noch Rom und die Garde. Und eine letzte Karte: Er kann die Macht abgeben.

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