Der Dolch, den keiner wollte — Das Jahr 69 II: Das Kapitol in Flammen
Während seine Feldherren Verrat übten, lag Vitellius in den Gärten bei Aricia. Tacitus vergleicht ihn mit trägen Tieren, die regungslos liegen, solange jemand sie füttert. Nach Cremona verbietet er, vom Krieg zu sprechen, und so wachsen die Gerüchte nur. (Tac. 3.36, 3.54)
Schließlich fährt er zum Heer nach Mevania in Umbrien. Er fragt andere nach der Marschordnung und nach der Aufklärung, also nach dem, was ein Feldherr selbst wissen sollte. Und betrinkt sich. Als er hört, dass auch die Flotte in Misenum übergelaufen ist, kehrt er nach Rom zurück. (Tac. 3.56–57)
Bei Narnia zieht sein Heer mit Fahnen ins Tal hinab und geht zu den Siegern über. Primus und Mucianus schreiben dem Kaiser: Leben, Geld und ein ruhiger Landsitz in Kampanien, wenn er die Waffen niederlegt und sich mit seinen Kindern in die Hand Vespasians begibt. Vitellius beginnt zu rechnen, wie viele Leute er mitnimmt und an welcher Küste er leben wird. (Tac. 3.63)
Im Apollotempel schließt er angeblich einen Handel mit Flavius Sabinus ab. Sueton kennt den Preis: das Leben und hundert Millionen Sesterzen. Zeugen des Gesprächs sind Cluvius Rufus und der Dichter Silius Italicus. Von weitem sieht man nur die Gesichter. Vitellius niedergeschlagen und klein, Sabinus ohne Triumph, er blickt eher mitleidig. (Tac. 3.65; Suet. Vit. 15.2)
Wenige Tage zuvor stirbt die Mutter des Kaisers. Tacitus schreibt, von der Herrschaft ihres Sohnes habe sie nur Kummer und den guten Namen gehabt. Am 18. Dezember verlässt Vitellius den Palast in Trauerkleidung. Hinter ihm weint das gesamte Hausgesinde. Den kleinen Sohn trägt man in einer Sänfte wie in einem Trauerzug. Vor dem versammelten Volk spricht er wenige Worte: Er trete zurück um des Friedens und des Vaterlands willen, man möge nur an ihn, an den Bruder, an die Frau und die unschuldigen Kinder denken. Er hebt den Knaben hoch und zeigt ihn den Leuten. Dann löst er den Dolch von der Seite, das Zeichen der Gewalt über Leben und Tod der Bürger, und reicht ihn dem Konsul. (Tac. 3.67–68)
Der Konsul nimmt ihn nicht. Die Menge schreit. Vitellius will die Insignien im Tempel der Eintracht niederlegen und zum Haus seines Bruders gehen. Das Volk versperrt ihm den Weg. Frei bleibt nur die Heilige Straße, zurück zum Palast. Tacitus stellt diese Szene neben andere Enden. Caesar starb plötzlich, Caligula in einer Verschwörung, Nero verbargen die Nacht und ein Versteck auf dem Land. Einen Kaiser, der vor seinem Volk und seinen Soldaten selbst hingeht, um die Macht abzugeben, hatte Rom noch nicht gesehen. Und ließ es ihn nicht tun. (Tac. 3.68)
Inzwischen platzt das Haus des Sabinus vor Senatoren und Rittern, als gehöre der Staat schon Vespasian. Auf dem Weg halten die fanatischsten Vitellianer seine Eskorte an. Nach einem kurzen Gefecht zieht sich Sabinus mit einer Handvoll Soldaten, Senatoren und Rittern auf das Kapitol zurück. Sogar Frauen sind bei ihnen. Nachts holt er seine Kinder und seinen Neffen, den achtzehnjährigen Domitian, dorthin. Ein Winterregenguss geht nieder. (Tac. 3.69)
Im Morgengrauen des 19. Dezember schickt er einen Zenturio zu Vitellius mit dem Vorwurf: Du hast die Abmachung gebrochen. Der Kaiser schiebt die Schuld auf die Soldaten, die er nicht aufhalten kann. Dem Boten rät er, durch einen geheimen Gang hinauszugehen, damit man ihn nicht tötet. (Tac. 3.70)
Die Vitellianer laufen über das Forum bergauf, ohne Anführer, jeder auf eigene Faust. Die Verteidiger werfen vom Dach der Säulenhalle Ziegel auf sie. Die Angreifer stecken die Halle in Brand. Sabinus verbarrikadiert das angebrannte Tor mit Standbildern, Andenken an die Vorfahren. Der zweite Angriff kommt von der Seite des Asyls und der hundert Stufen am Tarpejischen Felsen. Das Feuer greift auf die Säulenhallen bei den Tempeln über, dann auf das alte Holz des Giebels. Das Kapitol brennt bei geschlossenen Toren – wie Tacitus schreibt, weder verteidigt noch geplündert. (Tac. 3.71)
Wer das Feuer legte? Sueton: Vitellius selbst. Cassius Dio: seine Soldaten. Auch Flavius Josephus beschuldigt die Leute des Vitellius. Tacitus entscheidet nicht. Er schreibt sogar, häufiger habe man von den Belagerten gesprochen, die Feuerbrände auf die Dächer warfen, um die Angreifer zurückzudrängen. Der gefangene Konsul Atticus gestand selbst. Tacitus vermutet, er habe gelogen, um die Partei des Vitellius zu entlasten. (Suet. Vit. 15.3; Dio 65.17.3; BJ 4.11.4; Tac. 3.71, 3.75)
Domitian versteckt sich bei einem Tempeldiener. Auf Rat eines Freigelassenen legt er ein Leinengewand an und schlüpft in der Menge der Priesterdiener davon. Sueton fügt hinzu, er habe sich als Anhänger der Isis verkleidet und sei mit einem Begleiter über den Tiber gesetzt. (Tac. 3.74; Suet. Dom. 1.2)
Sabinus flieht nicht. Unbewaffnet gelangt er mit dem Konsul Atticus in Ketten vor den Palast. Vitellius steht auf der Treppe und will sich für ihn einsetzen. Die Menge fordert Blut. Sabinus wird vor dem Palast getötet, und seine Leiche wirft man auf die Gemonische Treppe. Fünfunddreißig Jahre hatte er dem Staat gedient, zwölf Jahre war er Stadtpräfekt. (Tac. 3.74–75)
Nachts steht Primus vor Rom. Zu spät: Sabinus ist tot, das Kapitol liegt in Trümmern. Vitellius bleibt ein Tag. (Tac. 3.79)