Plinius sticht in See — Titus: Die Wolke wie eine Pinie

Kehren wir aufs Meer zurück. Der Admiral heißt Gaius Plinius Secundus, wir nennen ihn heute Plinius den Älteren. Er befehligt die Flotte in Misenum (Briefe 6.16). Ganz Rom kennt ihn aber als Gelehrten. Er schrieb die „Naturalis historia“: siebenunddreißig Bücher über alles, von den Sternen bis zu den Steinen. Er widmete sie Titus.

Diese Flotte hat eine schlimme Vergangenheit. Vor zwanzig Jahren töteten ihr Kommandant und ihre Matrosen in der Nacht Agrippina, die Mutter Neros. Jetzt laufen dieselben Galeeren aus, um Menschen zu retten.

Der Neffe schreibt, was der Onkel aus der Neugier des Forschers begonnen habe, habe er mit der Größe eines Helden zu Ende geführt. Er fährt dorthin, wovor andere fliehen, und diktiert Notizen über alles, was er sieht (Briefe 6.16).

An der Küste bei Stabiae legt sich der Admiral auf ein ausgebreitetes Tuch und bittet zweimal um kaltes Wasser. Als Flammen und Schwefelgeruch herannahen, fliehen seine Begleiter. Der Admiral steht mit Hilfe von zwei Sklaven auf – und stirbt. Der Neffe vermutet, ihm sei die Luft ausgegangen: Der Onkel hatte immer einen schwachen Hals. Man fand ihn, als nach zwei Tagen das Licht zurückkehrte (Briefe 6.16).

In Misenum ist die Nacht nicht weniger schrecklich. Die Erde bebt so stark, dass alles umstürzt. Ein Freund des Onkels, der gerade aus Hispanien eingetroffen ist, sieht den Jungen mit einem Buch bei der Mutter. Er tadelt beide für ihre Ruhe. Plinius liest weiter. Jahre später weiß er selbst nicht, ob es Mut war oder Dummheit (Briefe 6.20).

Am Morgen ist das Licht fahl, die Häuser wanken. Mutter und Sohn verlassen die Stadt in der Menge. Die Wagen rollen, obwohl sie auf ebenem Grund stehen, hin und her; Steine unter den Rädern helfen nichts. Das Meer weicht vom Ufer zurück und lässt Meerestiere auf dem Sand liegen. Vom Berg zieht eine schwarze Wolke heran, von Blitzen durchzuckt. Die Mutter bittet, dann befiehlt sie: Flieh allein, du bist jung, und ich bin alt und schwer. Der Sohn nimmt sie bei der Hand und geht mit ihr weiter.

Man hört das Geschrei der Frauen, das Weinen der Kinder, das Rufen der Männer. Manche rufen die Götter an. Andere sind sicher, dass es keine Götter mehr gibt und die letzte, ewige Nacht der Welt gekommen ist. Plinius steht immer wieder auf und schüttelt die Asche ab, damit sie ihn nicht erdrückt. Er schreibt, ihn habe ein „kläglicher und doch großer Gedanke“ getröstet: Er geht mit allen unter, und alles geht mit ihm unter.

Dann lichtet sich das Dunkel. Die Sonne kommt hervor, fahl wie bei einer Sonnenfinsternis. Alles ist mit Asche bedeckt wie mit Schnee. Mutter und Sohn kehren nach Misenum zurück und warten auf Nachricht vom Onkel (Briefe 6.20).

Plinius sah die Wolke aus der Ferne. Unter der Wolke lag eine Stadt.

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