Ein zweiter Nero? — Titus: Die Wolke wie eine Pinie

Das Jahr 55. Der Palast auf dem Palatin. An der Tafel für die Jugend liegen zwei Jungen, fast gleichaltrig. Der eine ist Britannicus, Sohn des verstorbenen Kaisers Claudius. Der andere ist Titus, Sohn eines ehemaligen Konsuls, der eine Legion in Britannien befehligt hat. Sie wachsen zusammen auf, dieselben Lehrer unterrichten sie (Sueton, Titus 2).

Sueton erzählt, der Freigelassene Narcissus habe einmal einen Physiognomen an den Hof geholt, einen Mann, der aus Gesichtern die Zukunft las. Er sollte Britannicus beurteilen. Sein Urteil: Britannicus werde nie Kaiser. Der danebenstehende Titus dagegen ganz bestimmt.

Du erinnerst dich an das Abendessen aus der Folge über Nero: Britannicus trinkt und bricht zusammen. Sueton fügt ein Detail hinzu, das es bei Tacitus nicht gibt: Titus habe angeblich direkt daneben gelegen, aus demselben Becher gekostet und sei danach lange krank gewesen (Titus 2). Er vergaß das nie. Als Erwachsener lässt er seinem Freund im Palast eine goldene Statue aufstellen.

Wer ist dieser Junge? Er kam am 30. Dezember 39 in einem bescheidenen Haus in Rom zur Welt, in einer engen, dunklen Kammer, die man noch zu Suetons Zeit Neugierigen zeigte (Titus 1; das Jahr nach Dio 66.18 – Sueton nennt einmal 41). Er ist gutaussehend, hat ein außergewöhnliches Gedächtnis und schreibt Gedichte auf Latein und Griechisch. Er scherzt, er könne jede Handschrift nachahmen und wäre ein „Fürst der Fälscher“ geworden (Titus 3).

Dann Judäa, Jerusalem und die Rückkehr zum Vater mit dem Ruf „Ich bin da, Vater!“ – das kennst du aus der vorigen Folge. In Rom befehligt Titus die Prätorianergarde und gilt als harter, argwöhnischer Präfekt. Verdächtige beseitigt er ohne Zögern (Sueton, Titus 6).

So endet Caecina – derselbe, der im Jahr 69 Vitellius verraten hat. In der Jugend hatte Titus bei den Spielen für die Jugend zum Schein mit ihm gekämpft, in voller Rüstung (Dio 66.15). Im Jahr 79, noch zu Lebzeiten des Vaters, lädt er ihn zum Abendessen ein. Caecina verlässt das Speisezimmer nicht mehr. Titus lässt ihn töten, denn ihm ist eine Rede an die Soldaten in die Hände gefallen, von Caecina eigenhändig geschrieben (Sueton, Titus 6; Dio 66.16).

Sueton schreibt, nur wenige seien mit einem so schlechten Ruf auf den Thron gestiegen. Man sprach von Gelagen bis Mitternacht mit den verschwendungssüchtigsten Freunden und von Ausschweifung. Von Bestechungsgeldern in Prozessen, in denen der Vater Recht sprach. Und von einer Leidenschaft für die Königin (Titus 6–7). Die Römer sagten es offen: Er wird ein zweiter Nero.

Die Königin ist Berenike, die du aus der vorigen Folge kennst. Im Jahr 75 kommt sie mit ihrem Bruder, König Agrippa, nach Rom. Sie wohnt mit Titus im Palast und benimmt sich wie seine Frau. Sie wartet auf die Hochzeit (Dio 66.15). Rom murrt. Im vollen Theater beschimpft der Philosoph Diogenes das Paar in einer langen Rede und wird ausgepeitscht. Ein zweiter, der dasselbe versucht, bezahlt mit dem Leben. Titus schickt Berenike fort, noch zu Lebzeiten des Vaters.

Am 23. Juni 79 stirbt der Vater. Titus ist Kaiser. Und Berenike kehrt nach Rom zurück (Dio 66.18).

Von diesem Augenblick an sieht Rom einen anderen Mann. Dio hat dafür eine Erklärung: Wer im Namen eines anderen herrscht, sorgt sich nicht um den guten Ruf der Macht; wer allein herrscht, weiß, dass alles auf ihn zurückfällt (66.18).

Der neue Kaiser bestätigt mit einem einzigen Edikt alle Gunstbeweise seiner Vorgänger, ohne dass jemand darum bitten muss. Niemanden schickt er ohne Hoffnung fort: Keiner soll traurig vom Kaiser gehen. Als ihm beim Abendessen einfällt, dass er den ganzen Tag niemandem etwas gegeben hat, sagt er: „Freunde, ich habe einen Tag verloren“ (Sueton, Titus 8).

Denunzianten lässt er auf dem Forum auspeitschen, durch die Arena führen und verkaufen oder auf die wildesten Inseln verbannen (Titus 8). Er übernimmt das Amt des Pontifex maximus, um, wie er sagt, reine Hände zu behalten. Lieber will er selbst sterben, als andere zu verderben. Als zwei Patrizier sich verschwören, um nach dem Thron zu greifen, warnt er sie nur. Er lädt beide zum Abendessen ein. Am nächsten Tag lässt er sie bei den Spielen nebeneinander sitzen und reicht ihnen die Schwerter der Gladiatoren zur Besichtigung (Titus 9).

Und der zweite Nero? Er taucht tatsächlich auf. In Asien sieht ein Mann namens Terentius Maximus aus wie Nero und spricht wie er. Er singt sogar zur Leier. Er sammelt Anhänger, zieht an den Euphrat, und der parthische Herrscher Artabanos nimmt ihn auf und bereitet sich darauf vor, ihn in Rom auf den Thron zu setzen (Dio 66.19). Rom fürchtete einen zweiten Nero auf dem Thron. Es bekam ihn an der Grenze.

Währenddessen bebt in Kampanien seit vielen Tagen die Erde. Niemand macht sich Sorgen: Hier bebt sie immer (Plinius, Briefe 6.20). Vor gut anderthalb Jahrzehnten hat ein Erdbeben einen großen Teil Pompejis zerstört (Tacitus, Annalen 15.22). In der Stadt wird noch immer repariert. Über ihr erhebt sich ein Berg, bedeckt mit Reben. Der Gelehrte Strabon bemerkte einmal, sein Gipfel sehe wie ausgebrannt aus (Geographika 5.4.8). Niemand erinnert sich, wann er gebrannt hat.

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