Stiefelchen aus dem Lager — Caligula: das Pferd im Senat

Fangen wir mit den Stiefeln an. Der Junge heißt Gaius, aber Rom kennt ihn als Caligula, das Stiefelchen. Den Spitznamen erfanden die Soldaten, wie Sueton erklärt, denn das Kind wuchs unter ihnen in einer kleinen Soldatenuniform auf, und das lateinische caliga ist der schwere Soldatenstiefel. Sein Vater Germanicus befehligt die Legionen am Rhein, und die Mutter, Agrippina die Ältere, lebt mit ihm in den Lagern.

Germanicus ist das, was Rom fehlt: ein Feldherr, den man liebt. Sueton hat Urteile über ihn gesammelt: der schönste, der tapferste, gebildet in Griechisch und Latein, herzlich zu jedem. Als Augustus stirbt, wollen die Legionen ihm die Macht geben, und er lehnt ab und beruhigt sie. In demselben Aufruhr halten die Soldaten den Wagen an, der den fast zweijährigen Gaius aus dem Lager bringt, und flehen beschämt, man möge ihnen eine solche Schande ersparen.

Im Jahr 19 stirbt Germanicus in Antiochia, dreiunddreißig Jahre alt. An seinem Todestag, schreibt Sueton, stießen die Römer Altäre um und warfen Steine auf Tempel. Dann ist Tiberius am Zug. Der Senat erklärt die zwei älteren Brüder des Gaius zu Staatsfeinden, und die Mutter endet auf einer Insel. Keiner von ihnen wird das Ende der Herrschaft des Tiberius erleben.

Der Junge bleibt allein. Er wohnt bei der Urgroßmutter Livia, und als sie stirbt, hält er, noch nicht volljährig, von der Rednertribüne die Leichenrede auf sie. Dann kommt er zur Großmutter Antonia. Im Jahr 31, im neunzehnten Lebensjahr, erhält er von Tiberius den Ruf: Er soll nach Capri kommen.

Auf der Insel überlebt, wer sich verstellen kann. Ringsum schleichen Leute, die dem Jungen eine Klage über das Los seiner Familie entlocken wollen. Sie bekommen nichts. Gaius sieht dem Untergang seiner Angehörigen zu, als ginge es ihn nichts an, und Tiberius zeigt er Demut. Rom wird sich an einen Satz über ihn erinnern, den Sueton anführt.

Tiberius ist nicht blind. Sueton hält fest, der Alte habe gesagt, er ziehe eine Schlange für das römische Volk und einen Phaethon für die ganze Welt auf. Tacitus beschreibt eine Szene aus den letzten Jahren: Tiberius herzt seinen jüngeren Enkel Gemellus, und beim Blick auf die finstere Miene des Gaius sagt er ihm, er werde diesen Jungen töten und selbst von fremder Hand sterben. Ob es wirklich so war, wissen wir nicht. Weissagungen lassen sich leicht hinzufügen, wenn man das Ende kennt.

März des Jahres 37. Tiberius stirbt in einer Villa bei Misenum. Wie genau, weiß man nicht: Sueton sammelt Versionen von einer gewöhnlichen Krankheit bis zu einem Kissen auf dem Gesicht und fügt hinzu, manche hätten Gaius selbst verdächtigt. Wichtiger ist, was danach geschieht.

Gaius ist vierundzwanzig. Von Misenum zieht er in Trauerkleidung mit dem Leichnam seines Vorgängers nach Rom, und unterwegs begrüßen ihn Altäre, Opfer und Fackeln. Die Menge ruft ihm zu: unser Stern, unser Küken, unser Püppchen, unser Zögling. Die Römer erinnern sich an Germanicus und haben Mitleid mit der Familie, die fast ausgelöscht ist. Senat und Volk übertragen ihm einstimmig die volle Macht.

Die Freude ist groß, und Rom dankt den Göttern mit Opfern. Rate, wie viele Tiere in den ersten drei Monaten geopfert wurden.

Die ersten Entscheidungen sehen aus wie das Programm eines guten Herrschers. Gaius zahlt die Vermächtnisse aus dem Testament des Tiberius aus und legt den Soldaten noch einmal so viel obendrauf. Er lässt Gefangene frei und holt Verurteilte aus der Verbannung zurück. Er beendet die Prozesse wegen Majestätsbeleidigung, erlaubt, verbotene Bücher zu lesen, und veröffentlicht wieder die Rechnungen des Staates, was Tiberius unterlassen hatte. Dio merkt an, er habe das teils aus Furcht vor Volk und Heer getan, größtenteils aber aus Überzeugung.

Er segelt selbst zu den Inseln, auf denen seine Mutter und sein Bruder starben, und sammelt ihre Asche mit eigenen Händen. Nach Rom bringt er sie am helllichten Tag durch belebte Straßen, damit alle es sehen, und setzt sie im Grabmal des Augustus bei. Den September benennt er zu Ehren seines Vaters in Germanicus um.

Es sieht aus wie ein goldenes Zeitalter. Ein Jahr genügt, damit es endet. Zuerst aber erkrankt Gaius.

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