Der Gefangene von Jotapata — Vespasian: Geld stinkt nicht
Der Gefangene sagt „Caesar“ zu einem Mann, in dessen Adern kein Tropfen vom Blut der Caesaren fließt. Vespasian ist siebenundfünfzig Jahre alt, hat eine Glatze und die Miene eines Mannes, der immer mit etwas ringt. Ahnen in Wachsmasken hat er nicht. Dafür hat er eine Familie, in der seit drei Generationen Geld gezählt wird.
Der Großvater, Titus Flavius Petro, floh bei Pharsalos vom Schlachtfeld, als Pompeius verlor, und kehrte heim, um Forderungen einzutreiben. Der Vater pachtete in Asia die Zollerhebung. Die Städte stellten ihm Standbilder auf mit der Inschrift: „Dem redlichen Zöllner“. Für einen Zöllner ist das ein seltenes Kompliment. Der Sohn wird sich merken, dass man sich des Geldeintreibens nicht schämen muss.
Er wurde am 17. November des Jahres 9 im Dorf Falacrinae bei Reate im Land der Sabiner geboren. Aufgezogen hat ihn die Großmutter. Als Kaiser trank er an Feiertagen aus ihrem kleinen Silberbecher, und ihr Haus ließ er genau so, wie es war. In den Senat drängte es ihn gar nicht. Seine Mutter, Vespasia Polla, schob ihn dorthin, und nicht mit Bitten, sondern mit Spott: Sie nannte ihn den Lakaien seines älteren Bruders.
Die Karriere kommt nur mühsam voran. Das Amt des Ädils erreicht er erst im zweiten Anlauf und auf dem sechsten Platz. Der Ädil sorgt für die Straßen Roms, und Kaiser ist Caligula.
Unter Claudius kämpft er endlich. Als Befehlshaber einer Legion segelt er nach Britannien, das du aus der Folge über Claudius kennst: dreißig Schlachten, zwei mächtige Stämme, über zwanzig Siedlungen und die Insel Wight. Er erhält die Triumphalinsignien und das Konsulat. Dann taucht er unter, denn er fürchtet Agrippina, die jeden Freund des Narcissus hasst.
Als Statthalter von Africa regiert er ehrlich. Bei Unruhen in Hadrumetum bewirft ihn das Volk mit Rüben. Er kehrt so arm nach Rom zurück, dass er sein Vermögen bei seinem Bruder verpfändet und mit Maultieren zu handeln beginnt. Rom gibt ihm den Spitznamen: der Maultiertreiber.
Erinnerst du dich an das Spiel um Neros Konzert aus der ersten Staffel? Vespasian wählte keine der damaligen Antworten. Er schlief ein.
Hier gehen die Quellen auseinander. Tacitus wiederholt die Erzählung, es sei in Rom geschehen, im Jahr 65, bei den Spielen Neros: Der Freigelassene Phoebus habe den alten Soldaten wegen der halb geschlossenen Augen gescholten, und nur die Fürsprache wohlmeinender Leute habe ihn gerettet. Sueton verlegt die Szene nach Griechenland, auf die Reise des Kaisers im Jahr 67: Vespasian sei entweder hinausgegangen, wenn Nero sang, oder eingeschlafen, wenn er blieb. Zur Strafe jagte man ihn vom Hof. Als er fragte, wohin er denn jetzt gehen solle, hörte er: „Zum Teufel.“ Bei Sueton sagt das der Türsteher, bei Dio Phoebus selbst. Vespasian versteckte sich in einer Kleinstadt und fürchtete um sein Leben.
Und doch bekommt gerade er ein Heer. In Judäa ist ein Aufstand ausgebrochen: Die Juden töteten den römischen Verwalter, schlugen den Statthalter von Syrien und eroberten den Adler einer Legion. Nero braucht einen Feldherrn, der siegen kann, den man aber nicht fürchten muss. Vespasian passt ideal: tüchtig und zugleich harmlos, denn er stammt aus bescheidener Familie und hat einen unbekannten Namen. Anfang 67 zieht der alte Soldat in den Osten. Seinen älteren Sohn Titus nimmt er als einen der Befehlshaber mit.
Noch in Griechenland hat er einen Traum. Das Glück werde zu ihm und seiner Familie kommen, wenn man Nero einen Zahn ziehe. Am nächsten Tag betritt ein Arzt den Saal und zeigt einen Zahn, den er dem Kaiser eben gezogen hat. Sueton und Dio erzählen das mit großem Ernst. Du kannst auf diesen Ernst verzichten.
Wir kehren zurück in den Juli 67 und das Lager vor Jotapata. Woher wissen wir, was der Gefangene unter vier Augen sagte? Von ihm selbst. Josephus, Sohn des Matthias, Priester aus Jerusalem, wird Jahre später in Rom unter dem Schutz der Flavier den „Jüdischen Krieg“ schreiben. Du kennst ihn schon: Aus seinen „Jüdischen Altertümern“ nahm die Folge über Caligula die ausführlichste Darstellung des Attentats.
Josephus fügt ein Detail hinzu, das ihn glaubwürdig machen soll. Einer der Freunde des Feldherrn fragte spöttisch, warum der Prophet den Untergang der eigenen Stadt nicht vorausgesagt habe. Josephus antwortete, er habe es vorausgesagt: Den Verteidigern habe er angekündigt, Jotapata werde am siebenundvierzigsten Tag fallen und er selbst lebend zu den Römern gelangen. Vespasian befragte die Gefangenen heimlich. Es stimmte.
Andere erzählen die Szene anders. Bei Dio lacht Josephus: „Du kannst mich jetzt einsperren, aber in einem Jahr, wenn du Kaiser bist, wirst du mich freilassen.“ Bei Sueton versichert der edel geborene Gefangene nur, dass derselbe Mann ihn bald freilassen werde, dann schon als Kaiser.
Vorerst hat Vespasian eine wichtigere Sorge als Prophezeiungen: einen Krieg, der gewonnen werden muss. Der Gefangene von Jotapata bleibt in Ketten bei ihm. Vorerst.