Der jüngere Bruder — Domitian: Herr und Gott

Rom, 24. Oktober 51. Im Haus an der Granatapfelstraße wird Vespasians zweiter Sohn geboren. Sein Bruder Titus ist fast zwölf Jahre älter. Sueton schreibt, der Junge sei in Armut und schlechtem Ruf aufgewachsen: Im Haus habe es kein einziges silbernes Gefäß gegeben. Dieses Haus wird er einmal in einen Tempel seines Geschlechts verwandeln. Merk es dir.

Im Dezember 69 ist er achtzehn Jahre alt. Er übersteht den Brand des Kapitols, denn er flieht als Anhänger der Isis verkleidet – das kennst du schon. Wenige Tage später ist er Caesar, Sohn des neuen Kaisers, und tut, was er will. Er nimmt dem Senator Aelius Lamia die Frau weg. Zuerst hält er sie als Geliebte auf einem Landgut am Albanerberg, dann heiratet er sie. Sie heißt Domitia Longina. Sie ist die Tochter des Feldherrn, den Nero mehr fürchtete als die Parther.

Elf Jahre lang steht Domitian im Schatten. Unter seinem Vater bekommt er keine Macht, nur Ehren. Bei Festzügen fährt er in der Sänfte hinter den Tragsesseln des Vaters und des Bruders. Von sechs Konsulaten ist nur eines ein ordentliches, und auch das nur, weil der Bruder zu seinen Gunsten verzichtete. Er gibt sich bescheiden, schreibt Gedichte und liest sie öffentlich vor. Sueton merkt boshaft an, später habe er die Dichtung verachtet.

Und da ist noch etwas. Schon in der Jugend sagten ihm Astrologen Jahr, Tag und sogar Stunde und Art seines Todes voraus. Vespasian spottet darüber beim Abendessen. Der Sohn lehnt Pilze ab? Der Vater lacht, der Junge kenne sein eigenes Schicksal nicht. Nicht vor Pilzen solle er sich fürchten, sondern vor dem Schwert. Sueton schreibt, seither sei Domitian immer furchtsam gewesen. Wahr oder nachträglich dazugedichtet? Sueton schrieb, als ganz Rom die Stunde dieses Todes längst kannte.

Als sein Vater stirbt, überlegt Domitian, ob er den Soldaten nicht das Doppelte schenken soll. Später behauptet er ungeniert immer wieder, das Testament sei gefälscht worden, er hätte zusammen mit dem Bruder regieren sollen. Der Bruder verzieh ihm – das weißt du schon aus der Folge über Titus.

Am 13. September 81 stirbt Titus im Sabinerland. Domitian wartet nicht am Bett – was er tat, weißt du aus der vorigen Folge. Am 14. September ist er bereits Kaiser. In einem Monat wird er dreißig.

Seinen Bruder erklärt er zum Gott. Mit Tränen in den Augen hält er die Trauerrede auf ihn. Doch die Pferderennen an Titus’ Geburtstag schafft er ab, und in Reden und Edikten macht er immer wieder zweideutige Bemerkungen über ihn. Im Senat prahlt er, er habe Vater und Bruder die Macht gegeben, und sie hätten sie ihm nur zurückgegeben.

Jetzt steht niemand mehr vor ihm.

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