Neunzig Tage — Das Jahr 69 I: Soldaten kauft man nicht
Du kennst ihn. In der Folge über Nero haben wir dich gebeten: Merk dir diesen Otho. Jetzt weißt du, warum.
Marcus Salvius Otho wurde am 28. April 32 geboren. Als Junge war er so verwöhnt, dass sein Vater ihn oft auspeitschte. Nachts streifte er durch die Stadt, packte Betrunkene und warf sie in einer Decke in die Luft. Dann wurde er Neros engster Freund und Ehemann der Poppaea, bis Nero ihm die Frau wegnahm.
Lusitanien kennst du schon: eine Ehre, die wie Verbannung aussah. Und hier nimmt die Geschichte eine Wendung. Der Lebemann regiert die Provinz zehn Jahre lang mit Maß und Redlichkeit. Als Galba sich erhebt, stellt sich Otho als erster Statthalter auf seine Seite. Er überlässt ihm sein gesamtes Silber- und Goldgeschirr zum Ausmünzen.
Sein Astrologe Ptolemaeus hatte ihm einmal vorausgesagt, er werde Nero überleben, und unter Galba – er werde Kaiser. Sueton nennt diesen Astrologen Seleucus, aber das Versprechen ist dasselbe. Am ersten Tag seiner Herrschaft erklärt Otho dem Senat, man habe ihn auf der Straße ergriffen und zum Herrschen gezwungen. Das Volk begrüßt ihn mit dem Ruf „Nero!“, und er widerspricht nicht. Angeblich fügt er in den ersten Briefen an die Statthalter selbst diesen Namen hinzu. Er stellt Poppaeas Standbilder wieder auf. Die erste Ausgabe, die er unterschreibt, sind fünfzig Millionen Sesterzen zur Vollendung der Domus Aurea.
In der ersten Nacht wacht er schreiend auf. Er träumt vom Geist Galbas, der ihn aus dem Bett wirft. Die Wache findet den Kaiser auf dem Boden. Morgens murmelt er bei den Opferzeichen das Sprichwort: Wozu musste ich auf langen Flöten spielen? Das heißt ungefähr: Warum habe ich mich da hineingedrängt?
Und doch überrascht Otho. Er legt die Vergnügungen beiseite und verbirgt seine Ausschweifung. Er begnadigt Marius Celsus, der Galba bis zuletzt treu war, und macht ihn zu seinem Feldherrn. Tigellinus, Neros Präfekt, erhält auf seinem Landgut in Sinuessa die Nachricht, dass seine letzte Stunde gekommen sei, und stirbt. Rom feiert. Und der Kaiser selbst? Sueton beschreibt ihn schonungslos: mittelgroß, krummbeinig, auf sein Äußeres bedacht wie kaum einer. Er hat dünnes Haar, also trägt er eine Perücke, so gut angepasst, dass niemand etwas ahnt.
Am schwierigsten ist die Garde. Die Soldaten wissen inzwischen, was sie wert sind. Eines Abends lädt ein Tribun der Garde im Lager Waffen auf Wagen, um sie für eine Kohorte nach Ostia zu bringen. Die Prätorianer glauben, die Senatoren planten einen Anschlag. Sie stürmen zum Palast, wo der Kaiser gerade mit achtzig Senatoren speist. Die Gäste fliehen durch Seitentüren. Otho steigt auf ein Speisesofa und fleht die Soldaten unter Tränen an, ins Lager zurückzukehren. Am nächsten Tag erhält jeder fünftausend Sesterzen.
Galba gab der Garde nichts für den Thron. Otho bezahlt sie sogar für die Meuterei.
An Vitellius schreibt er zunächst zuckersüße Briefe. Er bietet ihm eine Teilung der Macht an und will sein Schwiegersohn werden. Vitellius antwortet ähnlich. Dann werfen beide einander Ausschweifung und Verbrechen vor. Und beide, resümiert Tacitus, sagten die Wahrheit. Der Krieg lässt sich nicht mehr abwenden. Am 14. März verlässt Otho Rom. Der Dandy, der auf sein Äußeres bedacht war wie kaum einer, marschiert zu Fuß, im eisernen Panzer, vor den Feldzeichen – ganz anders, als man über ihn gesagt hatte.
Aus Gallien steigen zwei Heere des Vitellius über die Alpen herab. Die Frau eines der Feldherren, Salonina, reitet in Purpur durch die italischen Städte, und die Städte nehmen ihr das übel. Sueton hält später noch ein Vorzeichen fest. Über dem Feld bei Bedriacum kämpften vor der Schlacht zwei Adler, und den Sieger vertrieb ein dritter, der aus dem Osten heranflog. Wahrheit oder nachträglich hinzugedichtet? Merk dir diesen Osten.
In Brixellum trifft eine Nachricht ein, die niemand glauben will.